Bindungsangst in der Kennenlernphase - Der plötzliche Gefühlstod
Hast du es schon mal erlebt, dass du jemanden in der Kennenlernphase erst toll findest und deine Gefühle aber irgendwann plötzlich weg sind? Lies hier die Geschichte meiner Kundin Tina und finde heraus, wie sich Bindungsangst in der Kennenlernphase zeigen kann. Außerdem geht es darum, woher Bindungsangst kommen kann und wie du mit ihr umgehen kannst.
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Tinas Geschichte
Tina lernt einen Mann bei Tinder kennen. Sie schreiben nur kurz, bevor sie sich spontan für ein erstes Date verabreden.
Da es so spontan ist, hat sie gar keine Zeit, sich groß Gedanken darüber zu machen und fährt ohne Erwartungen dorthin.
Das 1. Date: Soweit so gut!
Ihr erster Eindruck:
cooler Stil,
sympathisches Lächeln,
irgendwie eine lustige Art, zu reden.
Außerdem hat er eine Decke und Melone für ein Picknick an der Elbe mitgebracht – voll süß!
Sie unterhalten sich gut, lachen und verabschieden sich mit einer Umarmung.
Sie findet ihn richtig toll: Er spielt Basketball, geht gerne auf Konzerte, hat einen guten, interessanten Job und bringt sie zum Lachen.
So weit so gut.
Das 2. Date: Lass uns heiraten!
Auch das zweite Date ist super:
Sie bestellen sich etwas zu essen, reden stundenlang und sitzen romantisch auf seinem Balkon – seine Wohnung ist irgendwie auch richtig cool.
Nach diesem Date ist sie super verliebt, erzählt allen Leuten, die sie trifft, von diesem tollen Mann und malt sich in Gedanken schon die Hochzeit aus.
Da sie weiß, dass sie nur noch ein paar Tage in der Stadt ist und dann erstmal für ein paar Wochen im Urlaub, will sie sich unbedingt wenige Tage später wieder mit ihm treffen. Irgendwie hat sie Angst, dass er sie einfach vergisst, wenn sie jetzt zu lange weg ist.
Das 3. Date: Irgendwie ist er doch nicht so toll
Deshalb rafft sie sich auf und fährt zu ihm. Aber irgendwas ist diesmal anders.
Sie begegnen sich und er erzählt erstmal von der Arbeit – wie unmotiviert er ist und wie alle gegen ihn seien. Das findet sie ziemlich unattraktiv.
Je weiter er erzählt, desto mehr zieht sie sich innerlich zurück und hat plötzlich gar keine Lust mehr auf ihn. Plötzlich nervt sie noch viel mehr:
Die Wohnung riecht komisch.
Dass er nie Teller benutzt.
Seine Lache klingt auch plötzlich total irre.
Sie fühlt sich richtig unwohl und fährt dann auch bald nach Hause. Der Mann ist ziemlich verwundert und sichtbar verletzt, dass sie schon gehen will, aber sie macht es trotzdem.
Nach dem Date: Was ist nur falsch mit mir?
Nach dem Date kann sie nur noch daran denken, wie unentspannt sie war und macht sich Vorwürfe, dass sie am Ende so komisch zu ihm war.
Sie versucht, ihre Gedanken zu sortieren und herauszufinden, was bei diesem dritten Date so anders war als bei den vorherigen Treffen.
Sie zweifelt sehr an sich. In ihr kommt der Gedanke auf, dass sie sich nicht mehr auf ihre eigenen Gefühle verlassen könne:
Erst super verliebt und heiraten, dann fallen ihr mit einmal mal alle Schwächen des anderen auf und sie findet ihn so schrecklich, dass sie Schluss macht.
Was sie in den Wahnsinn treibt, ist, dass das nicht das erste Mal war, dass ihr das passiert ist. Am Anfang findet sie die Männer oft richtig toll, aber spätestens nach einigen Wochen sind ihre Gefühle plötzlich weg. Das kann ein Symptom von Bindungsangst sein.
Die Ursache von Tinas Bindungsangst
So wie Tina geht es vielen Menschen, die einmal negative Erfahrungen mit Beziehungen gemacht haben. „Beziehungen“ meint hierbei nicht unbedingt eine Liebesbeziehung, sondern z.B. auch die zu den eigenen Eltern.
In ihrem Fall war es so: Sie ist mit drei Brüdern aufgewachsen, die immer viel Ärger gemacht haben und große Probleme in der Schule hatten.
Dadurch waren ihre Eltern sehr gestresst und mussten sich viel um die Brüder kümmern. Tina wurde immer gelobt, dass sie so lieb und fleißig sei.
Sie war das kleine ruhige Mädchen, denn sie wollte ihren Eltern nicht noch mehr zur Last fallen. Deswegen hat sie gelernt, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle hintenanzustellen.
So beeinflusst Tinas Kindheit ihre Beziehungen
Genau dieses Verhalten wiederholt sie im Erwachsenenalter in ihren Beziehungen: Sie stellt ihren Partner an erster Stelle, ist vollkommen auf ihn fokussiert und darauf bedacht, ihm all seine Wünsche zu erfüllen.
Dabei verliert sie allerdings den Kontakt zu sich selbst und weiß oft gar nicht, was sie will, weil sie so sehr auf den anderen fokussiert ist. Ihre Gefühle und Bedürfnisse kann sie dadurch natürlich auch nicht kommunizieren und löst sich quasi in der Beziehung auf.
Ihr fällt es auch sehr schwer, Grenzen zu setzen und zu sagen, was sie möchte und was nicht. Dadurch erlebt sie Beziehungen als sehr anstrengend und sie halten meist auch nicht lange.
Nun hat sie beim Kennenlernen neuer Männer große Bindungsangst - Angst, dass sie sich wieder selbst in der Beziehung verliert. Selbstbestimmung ist ein Grundbedürfnis des Menschen, aber das in einer Beziehung aufrecht zu erhalten, fällt ihr schwer. Daher stellt jedes Kennenlernen vermeintlich auch eine Gefahr da.
Der Schwächenzoom des Unterbewusstseins
Tinas Unterbewusstsein möchte ihr dabei helfen, in Sicherheit zu bleiben. Es hat aus der Vergangenheit gelernt, sich gemerkt, dass Beziehungen ihre Selbstbestimmung gefährden und sie somit in Beziehungen nicht sicher ist.
Bahnt sich also eine engere Bindung an, schlägt das Unterbewusstsein Alarm, denn es droht – scheinbar – Gefahr. Um diese abzuwenden, schaltet es den „Schwächenzoom“ ein:
Es lässt Tina alle Schwächen ihres Datingpartners als unheimlich präsent wahrnehmen und alle Vorzüge in den Hintergrund rücken.
Bewusst merkt Tina nur, dass ihre Gefühle verschwunden sind, und wundert sich, was passiert ist. Das nennt man auch den “plötzlichen Gefühlstod”.
Sie zweifelt an sich, fühlt sich schuldig, weil sie schon wieder jemandem absagen muss und fragt sich, was falsch mit ihr sei und ob je ein Mann kommen wird, bei dem das nicht so ist.
Wie Tina mit ihrer Bindungsangst umgegangen ist
Nach einem Coaching versteht Tina, dass es nicht nur an ihrem Gegenüber lag, dass ihre Gefühle plötzlich weg waren, sondern an ihrer Bindungsangst. Diese hat sich durch negative, unterbewussten Überzeugungen über Beziehungen bzw. ihren negativen, früheren Erfahrungen damit entwickelt.
Im Coaching haben wir uns ihre Erfahrungen aus der Kindheit und ihre vergangenen Beziehungen noch einmal angeschaut. Das half Tina, ihre unterbewussten Glaubenssätze zu identifizieren, um sie im Anschluss zu verändern.
Darüber hinaus hat sie gelernt, den Menschen in ihrem Umfeld ihre Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen besser zu kommunizieren.
Einige Monate später lernt sie wieder einen Mann kennen und lässt es diesmal sehr viel langsamer angehen, als sie es je getan hat. Sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht, um sich wohlzufühlen und macht immer nur Mini-Schritte, die sich gut anfühlen.
Tina achtet diesmal bewusst darauf, möglichst authentisch sie selbst zu bleiben. Sie nimmt ihre Gefühle und Bedürfnisse bewusst wahr und kommuniziert sie. So hat ihr Partner diesmal auch eine Chance, darauf einzugehen.
Dadurch macht sie neue Erfahrungen und ihre Selbstbestimmung bleibt – anders als in den vorherigen Beziehungen – erhalten. So langsam versteht auch ihr Unterbewusstsein, dass von diesem Mann keine Gefahr ausgeht.
Es gibt zwar immer noch Momente, in denen Tina genervt ist, aber es hilft ihr dann, ihre Gedanken und Gefühle aus einer interessierten Beobachterperspektive zu sehen – etwa so, wie man Fische in einem Aquarium beobachtet. „Ach! Interessant!“.
So hat sie es nach und nach geschafft, sich eine wunderschöne, erfüllte Beziehung zu erschaffen, in der sie sich sowohl geborgen als auch frei fühlt.
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Ich bin übrigens Erika, Single- und Beziehungscoachin.
Ich helfe Frauen dabei, sich mit Liebe, Mut und Leichtigkeit auf den Weg in eine erfüllte Beziehung zu machen.
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